Mädchen und Jungen im naturwissenschaftlichen Unterricht

  • getrennt unterrichten oder gemeinsam?
    Grund der Fragestellung: statistisch gesehen gehen prozentual mehr junge Frauen in naturwissenschaftliche Berufe bzw. Studiengänge, wenn sie ihre Schulzeit in reinen Mädchenschulen verbracht haben.
    Offensichtlich ist das Interesse der Mädchen in koedukativen Bildungseinrichtungen an naturwissenschaftlich-technischen Berufen geringer.

    Sollte das zu beheben sein durch eine zeitweilige und/oder fachbezogene Aufhebung der Koedukation?

    Hierzu gab und gibt es eine Reihe von Untersuchungen, die teilweise auch langfristig angelegt sind. Besonders hinweisen möchte ich auf die Arbeit des IPN Kiel; Frau Dr. Hannelore Faulstich-Wieland bearbeitet unter anderem diesen Themenbereich sehr differenziert. Wer Näheres darüber erkunden möchte, kann sich einen Überblick verschaffen durch die vielfältigen Veröffentlichungen und Zitate im Internet, indem man z.B. in der Suchmaschine eingibt: faulstich-wieland mädchen jungen naturwissenschaft. In der Fülle der Quellen ist das Thema differenziert umrissen, teilweise auch in Form von mehr oder weniger unsachlichen Diskussionsbeiträgen, die aber erkennbar sind ;-).

    Frau Dr. Faulstich-Wieland kommt zu der Erkenntnis, dass eine "reflexive Koedukation" für Mädchen und Jungen besser ist als eine wenn auch zeitweilige Trennung der Geschlechter.

    Bilden sie sich ihre eigene Meinung. (Dazu müssen sie allerdings erst einmal erkunden, was mit "reflexiv" gemeint ist.)

    Meine eigene Meinung beruht im Wesentlichen auf eigenen, hinterfragten Erfahrungen und Beobachtungen in der Praxis des schulischen Alltags im Bereich von Haupt- und Realschule vom 7. bis zum 10. Schuljahr; aus bestimmten pragmatischen Gründen plädiere ich nicht für eine "reflexive Koedukation" - allerdings auf meiner "nicht-wissenschaftlichen" Basis.

    In der Anfangszeit meines Lehrerdaseins hatte ich, nachdem ich schon hinreichend Erfahrung im koedukativen naturwissenschaftlichen Unterricht hatte sammeln können, infolge der damals günstigeren Personalausstattung der Schulen die Möglichkeit, meine 32 Schülerinnen und Schüler umfassende Klasse in den Naturwissenschaften in zwei Gruppen zu teilen ("um besser experimentieren zu können"). Der Entscheidung, eine Jungen- und eine Mädchengruppe zu bilden, wurde von Schülern, Eltern und Kollegium einhellig zugestimmt. Damals wurde noch nach Lehrplänen unterrichtet, und der inhaltliche Spielraum zur Gestaltung eines gruppenbezogenen Curriculums war nicht sehr groß. "Geschlechtsspezifische" Inhalte spielten mit einer Ausnahme keine Rolle. Physik und Chemie fanden epochal mit den zur Verfügung stehenden Stunden statt, der Unterricht wechselte mit dem damals getrennten Sportunterricht und lag in der fünften und sechsten Stunde, was in der Regel eher belastend ist. Dennoch konnte ausgesprochen intensiv und motiviert gearbeitet werden. In Physik waren alle Inhalte gleich, in Chemie wünschten die Jungen "Baustoffchemie" als Sonderthema, die Mädchen "Lebensmittelchemie" (heutzutage würde diese Themenstellung natürlich auf heftigste Kritik stoßen, weil sie sie eine traditionelle Rollenzuweisung darstellt; unkritisch, ja fortschrittlich wäre dagegen, wenn die Themen vertauscht würden; damals habe ich einfach die Wahl der Schülerinnen und Schüler akzeptiert, was auch schon "fortschrittlich" war...)
    Wie waren die Erfahrungen?
    Das, was ich später im (naturwissenschaftlichen) Unterricht als störend erlebte (nicht immer, aber immer wieder), nämlich dass die im praktischen Hantieren geübteren Jungen ("geübter" durch die im ländlichen Bereich täglich praktizierte manuelle Tätigkeit in Haus, Hof, Werkstatt und am Mofa und anderem technischen "Spielzeug") schnell die praktische Experimentierarbeit an sich rissen oder aber, was ebenso häufig war, von den Mädchen (die sich "ungeschickt, hilfsbedürftig" stellten) zu praktischer Hilfestellung herangezogen wurden, war in den getrennten Gruppe nicht mehr möglich. Hier konnten die (pubertierenden) Jungen nicht den Mädchen imponieren, und diese konnten ihre Zuwendung an die (tüchtigen) Jungen nicht praktizieren. Das Ergebnis war, dass die Jungen untereinander sehr sachlich konkurrierten und in der Mädchengruppe die vorhandenen Geschicklichkeiten trainiert werden konnten (bzw. mussten). Noch lange nach der Schulzeit erinnerten sich die jungen Frauen und Männer positiv an diesen Unterricht. Er stellte ja insoweit eine Besonderheit dar, als außer Sport, "Werken" und "Handarbeit" aller Unterricht koedukativ war; ob dadurch eine Verstärkung von "Rollenzuweisung" stattfand, entzieht sich allerdings meiner Wahrnehmung; meinem Eindruck nach traten die Mädchen sehr viel selbstbewusster auf als im koedukativen Unterricht und die Jungen sehr viel sachlicher - es tat offensichtlich beiden Gruppen gut.

    Allerdings war das für mich eine singuläre Erfahrung.

    Einige signifikant häufige negative Momente aus dem üblichen koedukativen Unterricht möchte ich einfach aufzählen ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

    Diese Momente scheinen Klischees zu bestätigen. Die Praxis in vielen Haupt- und Realschulklassen sieht aber so aus. Die Zeit der Pubertät ist nicht die Zeit der Besonnenheit und der Reflexion des eigenen Verhaltens.
    Diese Momente bestätigen und bekräftigen Rollenverhalten - und spielen bei getrennten Gruppen keine Rolle.
    "Reflexive Koedukation" soll dazu führen, diese Momente (trotz Koedukation) abzuschwächen, abzubauen und zu überwinden zugunsten einer sachangemessenen Kooperation.
    Meine Erfahrungen zeigen, dass sich das im schulischen Alltag so einfach nicht realisieren lässt, besonders nicht im Bereich von siebentem bis neuntem Schuljahr. Im zehnten Schuljahr treten diese Momente kaum noch hervor. Das kann mit der doch zunehmenden (mittleren) Reife zusammenhängen oder mit der bis dahin stattgefundenen Auslese oder ... oder ...

    Resümee:
    Ich plädiere für eine zeitweilige Trennung von Mädchen und Jungen im Physik- und Chemieunterricht, und zwar im ersten Jahr (Anfangsunterricht). Beispielsweise könnten zwei Parallelklassen entsprechend parallel unterrichtet werden. In dieser Zeit muss vielfältig experimentiert werden, so dass die Mädchen eine eigene Sicherheit beim Umgang mit dem technischen Gerät erwerben können (also dazu "gezwungen" sind, selbst die Geräte zu "händeln"). Diese Sicherheit durch eigene Erfahrung wird die genannten negativen Momente wesentlich entschärfen und zu einem selbstbewussteren Auftreten gegenüber den Jungen führen.

    Nachsatz:
    Dem oben Gesagten widerspricht nicht, dass häufig Mädchen die besten Leistungen im naturwissenschaftlichen Unterricht erbringen. Sie arbeiten häufig sorgfältiger, wiederholen auch Gelerntes, üben vor einer Leistungskontrolle, haben eine sorgfältig und gefällig geführte Mappe ... Aber es gibt auch Klassen, in denen es umgekehrt ist.



    zurück
    Quelle: www.fundgrube-physik-chemie.de