Ansichten eines Dinosauriers

  • ...siehe auch "Wie lernt man Fahrrad fahren?"
    Naturwissenschaftlich zu arbeiten lernt man, indem man naturwissenschaftlich arbeitet.
    Dies scheint einer der "pädagogisch wertvollen" Sprüche zu sein. Ist es auch. Im Grunde genommen geht es um die Frage, wie "mensch" überhaupt lernt - und uns interessieren hier eben besonders die Naturwissenschaften.

    Das effektivste Lernen geschieht aus primärer Motivation.

    Was mich nur am Rande berührt, kann ich leicht "wegzappen", wie ich es inzwischen durch die Vielkanal-Fernseh-Prägung verinnerlicht habe. Schülerinnen und Schüler wenden sich innerlich anderen "Themen" im Unterricht zu, wenn sie von dem nicht innerlich angesprochen sind, was gerade ansteht. (Ausnahme: die paar Leistungsmotivierten, die wissen, dass sie einfach gute Noten bringen müssen, wenn sie später einmal Zahnärztin oder Zahnarzt werden wollen und dadurch viel Geld verdienen können.) - Ich entschuldige mich hiermit bei allen anständigen Zahnärztinnen und Zahnärzten für das alberne Breittreten dieses Klischees! - "Normal"schülerinnen und -schüler im Bereich der Sekundarstufe I müssen primär (also durch die Sache selbst) motiviert sein, wenn der Lernerfolg dauerhafter sein soll.

    Da helfen uns keine methodischen "Tricks".

    Die Lehrerin bzw. der Lehrer lehrt, die Lernende bzw. der Lerner lernt. Lernen ist eine Aktivität der Lernenden.
    Schülerinnen und Schüler entschuldigen ihr Nichtkönnen: Das hat mir der (unfähige) Lehrer nicht beigebracht; das hat mir die (unfähige) Lehrerin nicht beibringen können. Dahinter steckt Nürnberger-Trichter-Mentalität: nicht ich bin für meinen Lernerfolg verantwortlich, sondern "der Lehrer" bzw. "die Lehrerin". Und es gibt Lehrerinnen und Lehrer,  die ziehen sich diesen Schuh an. Natürlich, bei einem unfähigen Lehrer (gibt es die?) kann man nicht gut lernen, aber (uns allen zum Trost) lernen viele Schüler trotz des Lehrers. Das zeigt: aktive Schülerinnen und Schüler lernen von sich aus. Und Lehrerinnen und Lehrer müssen nicht hilfesuchend in modernistischen Methoden das (unterrichtliche) Heil suchen, schon längst nicht in solchen, die im  knallharten Trainingsalltag der Wirtschaft angewendet werden, wenn es ihnen gelingt, die gewünschte primäre Motivation ihrer Schülerinnen und Schüler zu erreichen.

    Welche der (naturwissenschaftlichen) Unterrichtsverfahren ermöglichen die gewünschte primäre Motivation?

    Fangen wir beim Experimentieren an. Alle Schülerinnen und Schüler experimentieren gerne, wie Befragungen eindeutig zeigen. Hauptsächlich durch das Experiment lernen ebenso Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler Neues über ihr Fachgebiet. Sie wissen, dass sie von manchen Aspekten ihres Fachgebietes zu wenig wissen. Das wollen sie ändern. Da sie ansonsten bezüglich ihres Fachgebietes up-to-date sind, müssen Experimente ersonnen, durchgeführt und ausgewertet werden. Diese Art des Experimentierens ist sehr zielgerichtet, denn die Ergebnisse sollen die erkannten Wissenslücken füllen. Die Vorgehensweise ist absolut problemorientert und zielorientiert; Zieltransparenz besteht von Anfang an. Man weiß, was man herausbekommen will, und allein daran wird gearbeitet . Das forschend-entwickelnde Unterrichtsverfahren greift genau diese Vorgehensweise auf und setzt sie konsequent im naturwissenschaftlichen Unterricht um. Der nacherfindende Unterricht arbeitet ebenso bezüglich der technischen Fragestellungen. Das entspricht in der unterrichtlichen Vorgehensweise einem "Spannungsbogen".
    Diese Art des Experimentierens unterscheidet sich grundlegend von Experimenten, die in Kochbuchart vorschreiben, was man aufbauen soll, wie man dann verfährt und worauf man achten soll: in der Regel ist die Zieltransparenz nicht vorhanden, man kann sich innerlich nicht mit der Vorgehensweise verbinden, man weiß häufig nicht, wozu es gut sein soll, gerade so zu arbeiten. Primäre Motivation bezüglich naturwissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung ist in der Regel nicht möglich. Dennoch können andere "primäre Motivationen" dazu führen, dass man diese Art des Experimentierens nicht ablehnt: die Freude am manuellen Tun, Spaß am Protokollieren, Arbeiten in der Gruppe, in einer Wettbewerbsituation als erster das Ergebnis zu haben ... Das sind sicherlich keine schlechten Aspekte - nur wird naturwissenschaftliches Denken durch solche Experimente nicht oder höchstens zufällig gefördert. Zudem erreicht es nur wenige.
    Wenn es gelingt, "Experimentieren nach Vorschrift" problemorientiert einzusetzen, sieht die Sache schon besser aus. Wenn Schülerinnen und Schülern zur Klärung einer bestimmten Fragestellung kein eigener (experimenteller) Weg einfällt, kann durchaus ein Lehrervorschlag "mal probiert" werden - man ist dann gespannt, ob der die erwünschte Lösung bringt (was beim Vorschlag eines "Experten" leider meistens der Fall ist). Gut daran ist, dass die problemorientierte Vorgehensweise (wenn man das "Problem" auch als "sein" Problem erkennt) zu primärer Motivation bezüglich der Erkenntnisgewinnung führt und die dazu notwendige Zieltransparenz vorhanden ist. Auch hierbei entsteht, wohl abgeschwächt, der erwähnte "Spannungsbogen". "Schlecht" daran ist allerdings, dass die Abhängigkeit von einem Experten dadurch (wieder einmal) deutlich herausgestellt wird, wodurch das Vertrauen auf die eigenen (Geistes-)Kräfte (wieder einmal) einen Dämpfer erfährt. Das widerspricht unserem höchsten Lernziel "Erziehung zur Selbstständigkeit" - "Emanzipation". Eine Hinführung zur Emanzipation - an der auch unsere Schülerinnen und Schüler letztendlich selber interessiert sind - kann nur erreicht werden, wenn die eigenen geistigen (seelischen, körperlichen) Kräfte unserer Schülerinnen und Schülern in Erprobungssituationen gestärkt werden.

    Solche "Erprobungssituationen" bezüglich der naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung müssen daher den Hauptteil unserer unterrichtlichen Arbeit darstellen!

    Schauen wir mal nach anderen Bereichen. Pänomene erleben und durchschauen zu lassen ist ebenso ein wesentliches Anliegen des naturwissenschaftlichen Unterrichts. Primäre Motivation entsteht hier in der Regel durch die direkte Begegnung, da viele Phänomene uns von der Gefühlsseite her ansprechen (Beispiele: Regenbogen, Blitz und Donner, optische Täuschungen, Echo ...). Was unser Gefühl anspricht, motiviert uns (was uns "kalt lässt", nicht). Wir sollten jede Gelegenheit hierzu nutzen. Das ist aber etwas anderes als "Spaß haben an ...". Wenn wir ein Puzzle zusammen setzen lassen, auf dessen Rückseite sich eine naturwissenschaftliche Darstellung (Bild oder Text) befindet, kann dies zwar Spaß machen und unsere Schülerinnen und Schüler "vom Gefühl her" ansprechen, doch vom naturwissenschaftlichen Arbeiten ist das meilenweit entfernt und hat keinen Stellenwert im naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozess (obwohl das Ergründen mancher naturwissenschaftlicher Zusammenhänge eine echte "Puzzlearbeit" ist). Primäre Motivation muss sich auf den naturwissenschaftlichen Gegenstand selbst beziehen und nicht auf "Gags".
    Oder wie wärs mit "sich informieren"? Also in einem Buch nachschlagen oder eine CD-ROM-Multimediashow erkunden oder in einem Videofilm nach den richtigen Informationen suchen ... Kann das aus primärer Motivation heraus geschehen? Wann bin ich selbst daran interessiert, mir Informationen zu verschaffen? Doch nur, wenn ich den Zustand des "Uninformiertseins" als Mangel an im Augenblick benötigtem Wissen erlebe und mich in der Lage fühle, ihn durch Informationsbeschaffungsmethoden zu beheben. Also, wenn "ich" es aus der Situation heraus für wichtig halte, nicht, wenn es ein anderer (eine Lehrerin, ein Lehrer, eine Arbeitsanweisung) von mir fordert. Wenn ich es für wichtig halte, kann so etwas ähnliches wie der "Spannungsbogen" ablaufen, von der Sache her motiviert, und in diesem Kontext hat Informationsbeschaffung im naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozess durchaus seine Bedeutung, wenn auch nachrangig.
    Und wie steht es mit "informiert werden"? Wenn es der Lehrerin bzw. dem Lehrer gelingt,  in einer problemorientierten Vorgehensweise mangels anderer Medien Informationen einzugeben oder eingeben zu lassen, können Schülerinnen und Schüler durchaus primär motiviert sein, die Inhalte zur Kenntnis zu nehmen und zu bearbeiten. Doch haben wir hier wieder das Problem mit dem obersten Lernziel "Emanzipation" - andere erreichbare Informationsquellen wären hier höherwertig als die Informationseingabe durch die Lehrerin bzw. den Lehrer, d.h. durch "Experten". Diese Art von naturwissenschaftlicher "Erkenntnisgewinnung" sollte Seltenheitswert haben.
    Weitere Arbeitsmethoden ließen sich auf analoge Weise betrachten.

    Wir sehen: Primäre Motivation führt dazu, dass sich die Schülerinnen und Schüler "in die Sache hinein" begeben, interessiert "bei der Sache" sind, nicht "wegzappen" und so den höchstmöglichen Lernerfolg im Bereich der naturwissenschaftlichen Erkenntisgewinnung haben. Primäre Motivation und problemorientierte Vorgehensweise sind Grundvoraussetzungen für umfassende naturwissenschaftliche Bildung.

    Hieran gilt es alle naturwissenschaftlichen Arbeits- und Unterrichtsmethoden zu messen!

    Es reicht nicht, dass die Schülerinnen und Schüler an der Methode interessiert sind und dass sie ihnen Spaß macht und dass sie sie daher gern erleben. Die eingesetzte Methode darf nicht Selbstzweck sein, sondern sie muss dazu führen, dass primäre Motivation bezüglich der naturwissenschaftlichen Inhalte entsteht. Sonst bauen wir Potemkinsche Dörfer: Besucher unseres Unterrichts erleben eifrig arbeitende Kinder, etwa mit Lernstationen, aber inhaltlich tut sich nichts; Arbeitsblätter werden gefüllt, Lösungen am Lösungsblatt verglichen und korrigiert, im Buch auf Seite ... wird nachgelesen und der Lückentext ausgefüllt - das wars. Erkennen naturwissenschaftlicher Zusammenhänge? Experimentelle Datengewinnung? Erproben eigener Vorstellungen? Verankerung einer Erkenntnis? Fehlanzeige. Vielleicht später einmal. Oder auch nicht.

    Methoden, die nur Spaß machen, die nicht problemorientiert eingesetzt werden können und die zu keiner primärem Motivation bezüglich des naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozesses führen, haben im naturwissenschaftlichen Unterricht nichts zu suchen. Ebensowenig wie der (nur) dozierende Lehrer oder die (nur) vorexperimentierende Lehrerin.



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    Quelle: www.fundgrube-physik-chemie.de