Meine "95 Thesen"

Im Urlaub war ich in Wittenberg. Eine zauberhafte Stadt mit viel Geschichte.
Der Streit darüber, ob Luther dort seine 95 Thesen an der Schlosskirche angeschlagen hat oder nicht ist belanglos - sie hatten jedenfalls Wirkung. Meine Thesen werden in weiten Bereichen gedeckt von den öffentlichen Diskussionsbeiträgen über TIMSS und SINUS (was mich zusätzlich ermutigt, sie zu veröffentlichen); sie stellen darüber hinaus aber wesentliche Ergebnisse meiner 34jährigen naturwissenschaftlichen Unterrichtstätigkeit dar und sind daher Thesen aus der "echten" Praxis. Wenn meine "95 Thesen", die ich hier auf meiner Tastatur anschlage, nur einen Bruchteil der Wirkung erreichen, bin ichs zufrieden. So wie jene Thesen sollen meine Thesen Denkanstöße sein. Wenn sie in Diskussionen eingebracht werden, um so besser. Jede auch kritische Rückmeldung ist mir willkommen.
Die "Thesen" beziehen sich vorrangig auf den Bereich der Haupt- und Realschule, Klassenstufe 5 bis 10.

These 01
Naturwissenschaftlicher Unterricht braucht (wie jeder Unterricht) ein Umfeld, das Lernen fördert und nicht erschwert.

These 02

Die Naturwissenschaften und auch die naturwissenschaftlichen Fächer müssen einen deutlich höheren gesellschaftlichen Stellenwert bekommen, als sie derzeit (vorwiegend in den alten Bundesländern) haben. Wenn Eltern sagen "Da war ich auch nicht gut drin", wirkt das kontraproduktiv.

These 03

Die naturwissenschaftlichen Fächer müssen ihr "Nebenfach-Image" verlieren, das sie immer noch haben. Die Mathematik steht in dieser Beziehung besser da ("... das brauchst du, das musst du lernen") - auch wenn deren Lernergebnisse nicht befriedigend sind; in den naturwissenschaftlichen Fächern im Bereich der Haupt- und Realschulen sind sie teilweise katastrophal.

These 04

"Lernen" (auch "Auswendig-Lernen") braucht einen deutlich höheren gesellschaftlichen Stellenwert, als es ihn derzeit (zumindest in Hessen) hat. Auswendig lernen ist unbequem. Da muss man sich konzentrieren und teilweise auch dazu zwingen. Man beherrscht aber (durch ständige Übung) diese Lerntechnik und kann sich Grundlagen schaffen (Beispiel aus anderen Fächern: "Kleines 1 x 1" oder englische Vokabeln), die (später) tiefergehende Lernerfolge erst ermöglichen. Das sichere Beherrschen physikalischer Gesetze und chemischer Formeln hat für den naturwissenschaftlichen Unterricht (maßvoll angewandt) ebensolche förderliche Wirkung.

These 05

Die Forderung nach einer (neuen ?) Lernkultur halte ich für berechtigt. Wer sich Schlagertexte einprägen kann, kann auch Balladen oder gar Formeln lernen (auch wenn das weniger lustvoll ist). Der Stellenwert von Basiswissen muss Schülerinnen und Schülern bewusst (gemacht ?) werden. Balladen lernen??? Gedichte lernen??? Die Lerntechniken des Auswendig-Lernens lernen und üben!

These 06

Mit Schülerinnen und Schülern zu arbeiten bedeutet schülerorientiert zu arbeiten. Nicht, ihnen Inhalte vorzusetzen, deren Sinnhaftigkeit ihnen unklar bleibt. Inhalte, die vermittelt werden sollen,  müssen von den Schülerinnen und Schülern als sinnvoll erkannt werden. "Sinn" lässt sich (fast) immer vermitteln.

These 07

Schülerinnen und Schüler brauchen einen pädagogisch sinnvollen Rhythmus des Lernens, angefangen vom sinnvoll aufgeteilten Schultag über die sinnvoll gegliederte Woche bis zum sinnvoll strukturierten Schuljahr.

These 08

Eine pädagogisch sinnvolle Aufteilung des Schultages berücksichtigt, dass die "Lernfächer", zu denen auch Physik und Chemie gehören, vorrangig in den ersten drei Stunden liegen. Nicht nach einer Doppelstunde Sport. Nicht in der sechsten Stunde. Allerdings ist ein naturwissenschaftlicher Nachmittagsblock schon wieder sinnvoll, falls Nachmittagsunterricht üblich ist.

These 09

Kreatives Arbeiten, auch in den naturwissenschaftlichen Fächern, braucht Muße. Das geht nur mehr schlecht als recht in 45-Minuten-Stunden.

These 10

In der Ganztagsschule bleibt Muße auch für die naturwissenschaftlichen Fächer.

These 11

Naturwissenschaftlich zu arbeiten lernt man, indem man naturwissenschaftlich arbeitet. Nicht, indem man so tut, als würde man naturwissenschaftlich arbeiten.

These 12

Naturwissenschaftler (und Techniker) arbeiten problemorientiert. Nicht nach dem Schema: lies diesen Absatz, ergänze das Schaubild, fülle den Lückentext aus.

These 13

Naturwissenschaftler (und Techniker) arbeiten zielorientiert. Die Ziele ergeben sich aus dem Inhalt. Nicht, weil der Lehrer es so möchte. Ziele müssen in der Regel gemeinsam gesucht und gefunden werden.

These 14

Naturwissenschaftlicher Unterricht sollte möglichst häufig kreativ angelegt sein, etwa in Form von forschendem Unterricht oder nacherfindendem Unterricht.

These 15

Experimentieren erlernt man durch eigenes Experimentieren. Nicht durch Vorexperimentiert-Bekommen. Experimente sind gemeinsam zu planen, gemeinsam durchzuführen und gemeinsam auszuwerten.

These 16

Naturwissenschaftlicher Unterricht sollte in Form von attraktiven Projekten zusätzlich noch im Wahlbereich angeboten werden und über mehrere Schuljahre kontinuierlich stattfinden.

These 17

Attraktive "naturwissenschaftliche" Projekte könnten sein: Solarenergie, Wetterbeobachtung, "der Treibhauseffekt", alternative Energiekonzepte, Elektronik, Flugphysik, Astronomie, Astronautik, Antriebstechnik, historische chemische Verfahren, "Lebensmittelchemie", "Jugend forscht" ...

These 18

Attraktive "naturwissenschaftliche" Projekte sollten folgende Aspekte haben: experimentelles Erfassen der Grundlagen, aktueller Stand, Anwendungsmöglichkeiten und weiterführende Experimente, Optimierungsprozesse, Informationsbeschaffung und -verarbeitung (PC), Dokumentation, Veröffentlichung ...

These 19

Attraktive "naturwissenschaftliche" Projekte sollten im Rahmen der Aufgabenstellung "offene" Bereiche haben: offen für Ideen und Initiativen von Schülerinnen und Schülern.

These 20

Außerschulische Lernorte binden die Schule in das Leben ein.

These 21

Außerschulische Lernorte sind - je nach Gegebenheiten möglichst häufiger - unter naturwissenschaftlichem Aspekt zu erkunden.

These 22

Außerschulische Lernorte unter physikalisch-technischem Aspekt sind Kraftwerke, Umspannwerke, Solaranlagen, Windkraftanlagen, Staustufen und Schleusen, Brückenkonstruktionen ...

These 23

Außerschulische Lernorte unter chemisch-technischem Aspekt sind Steinbrüche, Galvanisierbetriebe, Mineralwasser-Abfüllbetriebe, Kläranlagen, Recycling-Werkstätten, landwirtschaftliche Versuchsanstalten oder Bio-Bauernhöfe im Vergleich zur konventionellen
Landwirtschaft ...

These 24

"Außerschulische Lernorte" sind ebenso die beruflichen Bereiche der Eltern, Großeltern, Onkeln und Tanten und auch der "Freizeitbereich".

These 25

Außerschulische Lernorte haben großen Motivationswert.

These 26

"Learning by doing" ist ein wichtiges Prinzip auch der Naturwissenschaften (und der Technik)

These 27

Die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften kann "Spaß" machen - was aber nicht zu verwechseln ist mit mühelosem "fun and event".

These 28

Die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften kann Erfolgserlebnisse vermitteln - wenn man sich zunächst mit "kleinen Brötchen" zufrieden gibt.

These 29

Die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften wird zu Misserfolgserlebnissen ("Frustration") führen, wenn man hofft, dadurch die Natur (oder die komplexe Technik) mühelos beherrschen zu können.

These 30

Die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften wird bald "ad acta" gelegt, wenn man nicht über ein gewisses Maß an  Ausdauer, Konzentrationsfähigkeit und Frustrationstoleranz verfügt oder wenn anfängliche falsche Erwartungen ("wir werden lernen, wie man Sprengstoff mischt") nicht erfüllt werden können.

These 31

Die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften kann um so eher zu befriedigenden und damit motivierenden Erfolgen führen, je "faustischer" man sich ihnen zuwendet: mit dem eigenen dringenden Bedürfnis, erkennen zu wollen, " was die Welt im Innersten zusammenhält".

These 32

Geheimnisvolle Technik kann entschleiert werden, wenn man die Grundlagen kennen lernt. Hallo Nachbar - Technik ist machbar (in Abwandlungen eines Slogans der Friedensbewegung) - oder: die Entmythologisierung der Elektronik. Wie funktionieren Walkman, CD-Player oder PC?  Wenn man sich mit den Grundlagen beschäftigt, kann man zwar immer noch nicht ein solch komplexes Gerät bauen, aber wie wäre es mit mit einer Lichtschranke, einem Blinklicht, einem einfachen Transistorradio? Oder ist man zufrieden damit, wenn Walkman, CD-Player oder PC einfach "funktionieren"? Das wäre ganz im Sinne der verbreiteten "Konsumhaltung", und wir würden uns als nicht emanzipiert erweisen.

These 33

Wenn man sich auf  technische Geräte einlässt (etwa beim Selbstbau elektronischer Schaltungen), erlebt man vier unterschiedliche Situationen:
1. Das Gerät funktioniert, und ich weiß warum.
Das ist eine befriedigende Situation. Sie kann aber jederzeit leicht in Situation 2 übergehen:
2. Das Gerät funktioniert nicht, und ich weiß nicht, warum.
Jetzt ist der "Experte" gefragt und es setzt mehr oder weniger zielgerichtetes Suchen ein. Es wird probiert und ausgetauscht, bis man den Schwachpunkt findet:
3. Das Gerät funktioniert nicht, und ich weiß warum.
Diese dritte Situation ist ebenfalls befriedigend, auch wenn man das Gerät (noch) nicht benutzen kann: man kann ja jederzeit wieder funktionsfähig machen.
Manchmal trifft man beim Probieren aber auf eine vierte Situation, die sich plötzlich einstellt:
4. Das Gerät funktioniert, und ich weiß nicht, warum.
Diese Situation ist für jeden echten "Techniker" deprimierend, obwohl er das Gerät wieder voll benutzen kann.
(Sie haben es sicher gemerkt: diese "These" ist als einzige These nicht so ganz ernst gemeint, passt aber gut zur These 32.)

These 34

Technische Spielzeuge können einen guten Zugang zu den Naturwissenschaften darstellen, da in ihnen (mindestens) ein physikalisches oder chemisches Prinzip zur Anwendung gelangt, das man analysieren und mit eigenen Mitteln mehr oder weniger nachstellen kann. Nach der "Entschleierung" bleibt außer dem Wissen und dem methodischen Können noch etwas Hochachtung für den Erfinder, der dieses Prinzip effektvoll umsetzte.

These 35

Phänomene sollten Schülerinnen und Schüler möglichst häufig erleben können, da sie den Zugang zu den Inhalten über das Gemüt erleichtern.

These 36

Phänomene kann man zufällig erleben: Regenbogen, Blitz und Donner, Dopplereffekt bei einem vorbeifahrenden Polizeiauto, Schallgeschwindigkeit bei der Beobachtung eines weit entfernten Arbeiters, Echo, Sternschnuppen, Sonnen- und Mondfinsternis, Abendrot, "blauen" Himmel, "grüne" Blätter, Schwerkraftwirkungen, Geschmacksrichtungen, Verfärbungen, Rosten, Verbrennungserscheinungen, Abbindevorgänge, Kristallisation bei verdunstendem Salzwasser, ...

These 37

Phänomene kann man herbeiführen durch geeignete Experimente sowohl im Physik- als auch im Chemieunterricht.

These 38

Phänomene können fruchtbare Gesprächsanlässe werden, in denen auch außerschulische Erfahrungen zum Tragen kommen können - wenn man das will.

These 39

Wenn man "das Ohr am Puls der Klasse hat", kann man Berichte über beobachtete Phänomene vorbereiten lassen, so dass diese durch Schüler in den Unterricht eingebracht werden - auch das ist ein Stück mehr Schülerorientierung des Unterrichts.

These 40

Wir brauchen auch in den naturwissenschaftlichen Fächern eine "Kultur des Zuhörens".

These 41

Schüler müssen sich auch gegenseitig zuhören können (und ausreden lassen). Das Beispiel aus These 39 kann dies fördern. Nur wenn auch das selbstverständlich ist, ist "aktives Zuhören" möglich.

These 42

Wir brauchen auch in den naturwissenschaftlichen Fächern eine "Kultur des Kommunizierens".

These 43

Kommunizieren ist abhängig vom Zuhörenkönnen (und damit eine Erweiterung der Thesen 40 und 41).

These 44

Kommunizieren braucht Regeln. Diese müssen bewusst erarbeitet und trainiert werden. Und immer wieder angemahnt werden: es geht nicht ohne Disziplin und Selbstdisziplin. Die Talkrunden im Fernsehen geben da nur selten akzeptable Beispiele.

These 45

Kommunizieren braucht förderliche äußere Bedingungen. Förderlich ist beispielsweise ein Sitzkreis (hier geben viele Talk"runden" gute Beispiele!). Die Räumlichkeiten müssen so organisiert werden, dass Sitzkreise zu Beginn des Unterrichts, auch mitten im Unterricht, auch als Abschluss möglich gemacht werden können, wenn wirklich ernsthaft daran gedacht wird, ein Unterrichtsgespräch zu führen.

These 46

"Unterrichtsgespräche" in frontaler Sitzweise bleiben ein Stückwerk.

These 47

Kommunikation braucht anregende Anlässe.

These 48

Der problemorientierte Unterricht (speziell das "forschend-entwickelnde Unterrichtsverfahren oder der nacherfindende Unterricht) bieten vielerlei echte Anlässe zur Kommunikation.

These 49

"Kommunikation" darf nicht aufgesetzt wirken sondern muss sich aus dem Unterrichtsgeschehen ergeben. (Nicht: "Und jetzt diskutiert mal das Für und Wider der friedlichen Nutzung der Atomenergie!")

These 50

Vielerlei Faktoren im Schulalltag erschweren oder erleichtern das Lernen (siehe These 1). Diese gilt es zu analysieren ("Bestandsaufnahme"), zu strukturieren und zu deuten und die Schlussfolgerungen daraus umzusetzen.

These 51

Vom Elternhaus beeinflussbare Faktoren, die "schulisches Lernen" erschweren können (zumindest im Bereich der Sekundarstufe I) und ihre fadenscheinigen Begründungen: der Walkman in der Schule ("für die Pause"), das Handy in der Schule ("nur für den Notfall"), schicke Markenkleidung ("sonst werde ich abgelehnt"), Kopfbedeckung im Unterricht, etwa mit Schild nach hinten, oder zu große Schuhe mit offenen Schnürbändern ("gehört zu meinem Outfit"), Zigaretten und Feuerzeug ("meine Freunde rauchen alle"), Coladose mitnehmen oder unterwegs kaufen ("ich habe Durst!"), Süßigkeiten mitnehmen ("gegen schlechten Geschmack" oder "ich bin erkältet"), CDs in der Schule ("ich will welche tauschen"), fehlendes Schulfrühstück ("ich kauf mir was" oder "ich habe keinen Hunger"), Fernsehen bis spät in die Nacht ("ich kann sonst nicht mitreden" oder "ich brauche auch mal etwas Ablenkung, ich kann ja nicht nur immer lernen), ... beliebig fortsetzbar ...

These 52

Vom Elternhaus beeinflussbare Faktoren, die "schulisches Lernen" erleichtern können (zumindest im Bereich der Sekundarstufe I) und beispielhafte Begründungen: zweckmäßige statt topmodische Kleidung (Anpassung an Witterungsverhältnisse, Verhinderung von Angeberei), gesundes Schulfrühstück (Aufrechterhaltung eines gleichmäßigen Blutzuckerspiegels während des Vormittags), gesundes Getränk für die Pausen (zuckerfrei, ohne Aufputschmittel), vollständiges und funktionsfähiges Schreib- und Zeichenmaterial (verringert Störungen im Unterricht), Vereinbarungen zum Schulvormittag (Schule als rauchfreie Zone, "anständiges" Verhalten anderen gegenüber, Gewaltfreiheit bei Meinungsverschiedenheiten ... anstelle "lass dir von denen nichts gefallen!"), Interesse zeigen an den schulischen Inhalten aller Fächer und Ermutigen bei Schwierigkeiten und Enttäuschungen (erhöht den Stellenwert schulischer Arbeit), Steuerung der Nachmittagsaktivitäten der Heranwachsenden unter Beachtung der (auch Eltern bekannten) täglichen Leistungskurve ("Beruf: Schüler" sollte auch so verstanden werden), Regelung der abendlichen Aktivitäten und des Fernsehkonsums in schulförderlicher Weise (Ausgeruhtsein und Ausgeglichenheit können durchaus gefördert werden), ... beliebig fortsetzbar ...

These 53

Von "der Schule" beeinflussbare Faktoren, die "schulisches Lernen" erschweren können (zumindest im Bereich der Sekundarstufe I) und ihre fadenscheinigen Begründungen: unfreundliche Lernumgebung ("kein Geld zur Renovierung"), mit Postern "geschmückte" Wände, etwa aus "Jugendillustrierten" ("die Schülerinnen und Schüler wollten das so"), beschmierte Tischflächen ("passiert nicht in meinem Unterricht" oder "die zu reinigen ist nicht meine Aufgabe"), verschmierte Tafel ("der Ordnungsdienst versagt"), zerstörte Armaturen im Übungsraum ("dann eben nicht!"), kein Platz für Sitzkreis ("Gespräche müssen auch so funktionieren"), Rasenmähen vor dem Fenster oder das Reinigen der Fenster von außen durch eine Putzkolonne während des Unterrichts ("das ist jetzt dran und muss schon mal verkraftet werden"), Lautsprecherdurchsagen, die einzelne Schüler oder einzelne Klassen betreffen ("wie denn sonst?"), Verkauf von Cola und Süßigkeiten in den Pausen ("die SV wollte es so"), Schulbus-Pläne, die Zuspätkommen oder Zu-früh-weggehen notwendig machen ("war nicht anders regelbar"), Physik oder Chemie am Montag in der ersten oder am Freitag in der letzten Stunde statt Unterricht beim Klassenlehrer (gleiches Argument wie vorstehend), ... beliebig fortsetzbar ...

These 54

Von "der Schule" beeinflussbare Faktoren, die "schulisches Lernen" erleichtern können (zumindest im Bereich der Sekundarstufe I) und beispielhafte Begründungen: freundliche, aber sachliche Fachraumgestaltung (Einstellung auf die spezielle Art des Unterrichts), intakte Tische, intaktes Gestühl, intakte Taschenablagen, intakte Armaturen (Verringerung von Störquellen), unbeschmierte und unbeschriftete Tische und Stühle (die Aufmerksamkeit wird hierdurch eher gewährleistet), Vermeidung von akustischen oder optischen Eingriffen von außen in den Unterricht (wenn Konzentration erreicht wurde, kann sie erhalten bleiben), funktionsfähige "Medien", saubere Tafel (Erleichterung zielgerichteten Arbeitens), Kleiderhaken zum Ablegen der Straßenjacken (an der Wand im Raum, Tischfläche und Stuhl können besser genutzt werden, Ordnung, Sauberkeit und Hygiene), ... beliebig fortsetzbar ...

These 55

Vom Schüler oder von der Schülerin beeinflussbare Faktoren, die "schulisches Lernen" erschweren können (zumindest im Bereich der Sekundarstufe I) und ihre fadenscheinigen Begründungen: vollständiges Lern- und Arbeitsmaterial ("man wird doch maaal was vergessen dürfen!"), Jacke ablegen, Schultasche unter dem Tisch verstauen ("ich geh ja doch gleich wieder"), essen und trinken nur in der Pause ("ich habe aber jetzt Hunger bzw. Durst"), "Müll" nur entsorgen, wenn es nicht stört ("ich kanns auch unter dem Tisch liegen lassen"), nach einem Blatt und was zu schreiben fragen ("heute bin ich ohne"), Kaugummi kauen im Unterricht und sich (dadurch?) mündlich zurückhalten ("fördert das Lernen durch bessere Durchblutung des Gehirns" oder "ist gut für die Zähne"), auf dem Tisch malen oder schreiben ("ich habe bloß was probiert"), ... beliebig fortsetzbar ...

These 56

Vom Schüler oder von der Schülerin beeinflussbare Faktoren, die "schulisches Lernen" erleichtern können (zumindest im Bereich der Sekundarstufe I) und beispielhafte Begründungen: schenke ich mir und ihnen ...

These 57

Die nächsten Thesen behandeln die von der Kultusadministration beeinflussbaren Faktoren, die "schulisches Lernen" erschweren oder erleichtern können :

These 58
These 59
These 60
These 61
These 62
These 63
These 64
These 65
These 66
These 67
These 68
These 69
These 70
These 71
These 72
These 73
These 74
These 75
These 76
These 77
These 78

These 79

Die Inhalte der Thesen ab These 58 entnehmen sie bitte der umfangreichen Diskussion über TIMSS und der aktuellen Diskussion über die Ergebnisse der PISA-Studie sowie den Ausführungen von Professor Klaus Klemm.

These 80

Der Begriff "erziehungsberechtigt" ist aus dem deutschen Wortschatz zu streichen und durch den Begriff  "erziehungsverpflichtet" zu ersetzen.

These 81

Ohne Mitwirkung der Eltern ist der Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule nicht umzusetzen. Es kann nicht angehen, dass Schülerinnen und Schülern zu Hause damit gedroht wird, dass ihnen "die Schule" schon "Mores" beibringen wird.

These 82

Die Stellung des Lehrpersonals hat sich im öffentlichen Ansehen in den letzten Jahren stark geändert. Begründung: Zu Beginn meiner Lehrtätigkeit zogen die (wesentlich älteren) Väter meiner Schülerinnen und Schüler den Hut und riefen "Guten Tag, Herr Lehrer" (das war im ländlichen Bereich). Später profilierte sich ein Populist mit der Bemerkung "Faule Säcke", und noch später sagte ein angemahnter aufsässiger Schüler im Realschulzweig laut zu seinem Nachbarn: "Mein Vater hat gesagt, ich soll mir von dem nichts gefallen lassen!".

These 83

Eine "Schulordnung" sollte von der Elternvertretung aufgestellt werden unter Anhörung der Gesamtkonferenz und der Schülervertretung. Auf diese Weise würde den Eltern die (geringe) erzieherische Möglichkeit der Schule klarer bewusst.

These 84

Eine "Raumordnung" für die naturwissenschaftlichen Unterrichtsräume muss im Anfangsunterricht mit den Schülern jeder Lerngruppe erarbeitet und mit der bestehenden Raumordnung verglichen werden. Änderungsvorschläge sollten der Fachkonferenz unterbreitet werden.

These 85

Die aktuelle Raumordnung sollte zur Erinnerung in jedem Fachraum hängen. Wichtigster Aspekt: Sicherheit.

These 86

Naturwissenschaftlicher Unterricht ist Unterricht, bei dem Experimente im Mittelpunkt stehen.

These 87

Motivierendes naturwissenschaftliches Experimentieren erfordert eine umfangreiche Ausstattung der Schule mit Geräten, Medien, Materialien, Chemikalien, Modellen ...

These 88

Die naturwissenschaftlichen Sammlungen müssen nicht nur jährlich bezüglich des "Verbrauchsmaterials" ergänzt werden (wie es bisher üblich ist), sondern brauchen auch eine ständige Ergänzung durch aktuellere und verbesserte Geräte, um nicht in kurzer Zeit veraltet zu wirken (letzteres ist bisher ebenfalls üblich).

These 89

Auch die naturwissenschaftlichen Sammlungen brauchen eine "Raumordnung", an die sich alle halten. Ordnung in diesem Raum darf nicht allein Sache des Sammlungsleiters sein, da der sonst bald resigniert (ich selbst habe über 20 Jahre Sammlungen betreut; "meist gings").

These 90

In den meisten Sammlungen, die ich in meiner Ausbildertätigkeit kennengelernt habe, herrschte "kreatives Chaos". Dort fällt eine zügige und befriedigende Vorbereitung des eigenen Unterrichts schwer. Sammlungsleiter (und auch Lehrer mit verstärktem naturwissenschaftlichem Unterricht) brauchen dafür angemessene zeitliche Entlastung; ideal wäre ein Sammlungsassistent.

These 91

Naturwissenschaftliche Sammlungen benötigen Ergänzungen durch Geräte und Gegenstände "aus dem richtigen Leben", allein schon, um die "direkte Begegnung" zu ermöglichen oder den konkreten "Alltagsbezug". Hieran sollten alle Kollegen mitarbeiten und auch die Eltern der Schüler oder Sponsoren aus der Wirtschaft, denn die Objekte müssen nicht immer neu sein.

These 92

Naturwissenschaftliche Sammlungen können ergänzt werden durch Objekte aus Projekten. So bekommen auch diese einen ernsthaften Charakter.

These 93

Naturwissenschaftliche Sammlungen haben manchmal spontan Finanzbedarf: Brennspiritus fehlt oder destilliertes Wasser oder ... oder ... . Lehrerinnen und Lehrer sollten so etwas prinzipiell nicht aus der eigenen Tasche bezahlen (sie sind ja sowieso unterbezahlt) und sollten sich im Rahmen der Fachkonferenz kurzfristige Finanzierungsmöglichkeiten einrichten.

These 94

An "guter Unterrichtspraxis" muss von allen Beteiligten ständig gearbeitet werden.

These 95

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. (Nicht von mir, Quelle bekannt)

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Quelle: www.fundgrube-physik-chemie.de